Warum sollten deutsche Unternehmensleitungen über die Wehrpflicht nachdenken?

Von Christian F. Hirsch

Kurz nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine erzählte mir der Chief Operations Officer eines finnischen Startups von einem Meeting, das sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt hatte. „In der vergangenen Woche hatte ich das schlimmste Meeting meines Lebens“, sagte er. „Wir haben beraten, wie wir den Betrieb aufrechterhalten, wenn der Russe unser Land angreift.“

Was in diesem Meeting sichtbar wurde, war kein abstraktes Planspiel, sondern eine reale strukturelle Verwundbarkeit. Dreiviertel der Belegschaft des Unternehmens waren Reservisten. Einschließlich des gesamten C-Levels. Alle wären im Ernstfall verpflichtet, zu den finnischen Streitkräften einzurücken. Die beiden Gründer des Startups hatten sich einst auf der finnischen Reserveoffizierschule kennengelernt, der Reserviupseerikoulu, kurz RUK. Sie existiert seit 1920 und zählt zu den ältesten Einrichtungen ihrer Art weltweit. In Finnland ist eine solche militärische Sozialisation kein Sonderfall, sondern Teil eines gesellschaftlichen Grundverständnisses.

Finnland hat die Wehrpflicht nach dem Ende des Kalten Krieges nie abgeschafft. Das Land verfügt bis heute über ein im Verhältnis zur Bevölkerungszahl außergewöhnlich großes und gut ausgebildetes Reservistenkorps, das sich aus mehreren hunderttausend Männern und Frauen zusammensetzt. Diese sicherheitspolitische Architektur ist kein Ausdruck von Militarismus, sondern das Ergebnis nüchterner geopolitischer Lagebeurteilung. Finnland teilt eine über 1.300 Kilometer lange Grenze mit Russland, und die historische Erfahrung sitzt tief. Bereits 1939 wurde das Land von der damaligen Sowjetunion angegriffen. Sicherheit wird dort nicht delegiert, sondern kollektiv getragen.

Aus unternehmerischer Perspektive wird hier etwas sichtbar, das im deutschen Diskurs lange ausgeblendet war: Wehrpflicht ist nicht nur ein verteidigungspolitisches Instrument, sondern ein geopolitischer Faktor mit unmittelbaren Auswirkungen auf Unternehmen. Sie beeinflusst Arbeitsmärkte, Führungskulturen, Personalverfügbarkeit, Resilienzkonzepte und letztlich die Frage, ob ein Betrieb in einer eskalierenden Lage handlungsfähig bleibt. In Ländern mit aktiver Wehrpflicht ist die Mobilisierung von Gesellschaft zugleich die Mobilisierung von Organisationen, Unternehmen und Wertschöpfungsketten.

In Deutschland hingegen wirkt diese Vorstellung bis heute fremd. Seit das Bundeskabinett im Oktober 2010 die Wehrpflicht ausgesetzt hat, ist für die meisten deutschen Männer der Gedanke, zum Kriegsdienst einberufen zu werden, praktisch unvorstellbar. Dabei ist die Wehrpflicht nicht abgeschafft, sondern lediglich suspendiert. Das Grundgesetz wurde nie geändert. Wehrpflichtig sind weiterhin grundsätzlich alle männlichen deutschen Staatsbürger ab dem 18. Lebensjahr. Es bräuchte rechtlich nicht viel, um sie kurzfristig wieder zu aktivieren.

Erst seit einigen Monaten beginnt sich der Diskurs zu verschieben. Was lange als politisch erledigt galt, wird unter dem Eindruck des russischen Angriffskrieges, der Zeitenwende-Rhetorik und der wachsenden militärischen Verwundbarkeit Europas neu bewertet. Dennoch wird Wehrpflicht in Deutschland fast ausschließlich als gesellschafts- oder sicherheitspolitische Frage verhandelt, kaum jedoch als geopolitisches Thema für Führungskräfte und Vorstände. Dabei ist genau das ihr blinder Fleck.

Denn Staaten, die im Krisen- oder Kriegsfall auf breite Mobilisierung setzen, greifen zwangsläufig auf ihre Erwerbsbevölkerung zu. Das betrifft nicht nur Fabrikarbeiter oder Logistiker, sondern auch Ingenieure, IT-Spezialisten, Führungskräfte und Gründer. Gerade junge Unternehmen, Startups und technologiegetriebene Organisationen könnten überproportional betroffen sein, weil ihre Belegschaften oft jung, hochqualifiziert und in Schlüsselrollen konzentriert sind. Was in Finnland Teil strategischer Normalität ist, würde in Deutschland viele Unternehmen unvorbereitet treffen.

Wenn heute über die Zukunft der Arbeit gesprochen wird, dominieren Debatten über künstliche Intelligenz, Automatisierung, Remote Work und neue Organisationsformen. Das ist berechtigt, aber unvollständig. Geopolitikorientierte Unternehmensführung muss auch jene Szenarien mitdenken, die als unwahrscheinlich gelten, deren Eintritt jedoch existenzielle Folgen hätte. Wehrpflicht gehört genau in diese Kategorie. Sie ist kein Relikt vergangener Zeiten, sondern ein schlafendes Instrument staatlicher Handlungsfähigkeit in einer zunehmend instabilen Weltordnung.

Das finnische Startup musste sich dieser Realität in einem einzigen, schmerzhaften Meeting stellen. Deutsche Unternehmen haben bislang den Luxus, darüber theoretisch nachzudenken. Noch. Wer Geopolitik ernst nimmt, wartet nicht auf Wahrscheinlichkeiten, sondern bereitet sich auf Folgen vor. Und manchmal beginnt strategische Klugheit genau dort, wo man sich zwingt, das scheinbar Undenkbare zumindest einmal mitzudenken.

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