Neulich ist uns ein Fall aus der Praxis begegnet, der mir die Dimension unserer Abhängigkeit von US-amerikanischer Software einmal mehr vor Augen geführt hat. Ein Subunternehmer von uns konnte gewisse Systemvoraussetzungen für die gemeinsame Projektarbeit zunächst nicht erfüllen. Es ging insbesondere um die Einrichtung der Zugänge zu Microsoft Office 365, inklusive Anwendungen wie Teams und SharePoint, die unser gemeinsamer Kunde als Standard definiert hatte. Seine Systeme waren darauf schlichtweg nicht ausgelegt, obwohl seine Leistungsfähigkeit darunter keineswegs litt.
Nach anfänglichem Widerstand ließ er sich schließlich überzeugen, die Zugänge einzurichten, und wir konnten die Zusammenarbeit starten. Als langjähriger macOS-Nutzer kam mir nie in den Sinn, diese oft cloudbasierten Systeme grundsätzlich infrage zu stellen. Anfangs erschien mir dies eher eine Philosophiefrage zu sein: Apple oder Microsoft? Doch dahinter steckt viel mehr: Eine Abhängigkeit vom Hersteller, in die wir uns oft unwissentlich begeben.
Nehmen wir Windows als Beispiel: Fast jeder Standardrechner ist vorinstalliert, und wir nehmen das als gegeben hin. Die „hipsterige“, alternative macOS von Apple ist oft teurer und in vielen Fällen weniger flexibel. Linux als unabhängiges, kostenloses Betriebssystem hat kaum Aufmerksamkeit, nicht zuletzt, weil Unternehmer und Durchschnittsbürger kein tiefes IT-Verständnis haben. Wer weiß schon genau, was ein Bit ist, wie ein Prozessor funktioniert und wie Programmieren wirklich geht? Ich jedenfalls nicht. Deshalb vertraue ich auf das, was mir haptisch und bedienungsfreundlich erscheint. So sind wir über die Jahre in die Produktfalle geraten, ohne es zu merken. Erst die aktuellen Entwicklungen in der US-amerikanischen Außen-, Wirtschafts- und Bündnispolitik holen uns auf den Boden der Realität zurück.
Die jahrzehntelange Partnerschaft mit den USA zeigt deutliche Auflösungserscheinungen. In einer Ehe würde man sagen: „Es kriselt.“ Manche Ehepartner hätten in einem solchen Fall sogar einen Ehevertrag: eine klare Regelung zur Aufteilung von Hab und Gut. Wir haben keinen Ehevertrag. Unsere amerikanischen Partner könnten, politisch motiviert, schnell zu Gegnern werden. Mit der IT-Abhängigkeit haben sie nicht nur uns in Deutschland, sondern im Grunde die ganze Welt in der Hand.
Stellen wir uns vor, Microsoft würde über Nacht alle Lizenzen lahmlegen: Emails könnten nicht mehr gesendet oder empfangen werden, Online-Meetings wären unmöglich, Zugriff auf wichtige Daten und deren Austausch wäre blockiert, Smartphonesysteme (iOS, Android) hängen ebenfalls an amerikanischen Giganten wie Apple und Google. Das Ergebnis wäre ein Kommunikationszusammenbruch, Ausfall betrieblicher Steuerungen und datenbasierter Systeme. Selbst öffentliche Dienste, Tankstellen, Banken und Zahlungssysteme wären betroffen. Hinzu kämen Datenverluste und eine problematische Wiederanlaufphase. Ein regelrechtes Horrorszenario.
Die gute Nachricht ist, dass es Alternativen gibt. Open-Source-Systeme sind nicht nur verfügbar, sondern auch wesentlich kostengünstiger, teilweise rund 90 Prozent Ersparnis bei Lizenzen. Die Umstellung erfordert jedoch Zeit, Expertise und den Willen, bestehende Abhängigkeiten zu durchbrechen. Unternehmer sollten sich nicht zu sehr von den sogenannten Kundenstandards treiben lassen. Je mehr Firmen Open-Source-Systeme einführen, desto größer wird ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Ein Vorreiter ist das Bundesland Schleswig-Holstein, das plant, rund 30.000 Arbeitsplätze von Windows zu Linux zu migrieren und Microsoft Office durch LibreOffice zu ersetzen. Auch wir werden das Thema firmenintern besprechen, um zumindest kritische Systeme krisenfest zu machen. IT-Unabhängigkeit ist nicht länger eine technische Spielerei, sie ist geopolitische Notwendigkeit.