Von Boris van Thiel
Nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und dem Ende des Ost-West- Konfliktes wurde von Francis Fukuyama „Das Ende der Geschichte“ ausgerufen. Die liberale Demokratie wurde als die endgültige Form menschlicher Regierung angesehen.
Heute muss man leider nüchtern feststellen, dass wir auf dem Holzweg waren. Nach den jüngsten Entwicklungen in Venezuela wird noch einmal anschaulich deutlich, dass sich das gesamte geopolitische Gefüge neu zu sortieren scheint. Und das dürfte viele Firmenlenker interessieren, zumindest dann, wenn man bisher gute Geschäfte im Export gemacht hat, vor allem mit den Vereinigten Staaten.
Momentan erleben wir, dass vor allem zwei Machtblöcke vordergründig imperialistische Züge an den Tag legen. Die USA und Russland. Die trumpistischen Machtdemonstrationen sind Indizien dafür, dass die jahrzehntelange Partnerschaft mit den USA zumindest infrage gestellt werden muss.
Nicht nur der Wegfall russischer Geschäfte aufgrund von Sanktionen und die konkret bedrohliche Lage im Osten, sondern nun auch eine neue Front im Westen erfordern ein neues strategisches Denken in der deutschen Sandwichposition. Firmen brauchen Rohstoffversorgungen, die nicht von Russland, China oder den USA abhängig sind. Absatzmärkte müssen neu geordnet und priorisiert werden. Die USA sind momentan kein verlässlicher Partner, und China schafft aktuell mehr Abhängigkeiten als Synergien.
Da Europa nun enger zusammenrücken muss, ergeben sich natürlich auch neue gemeinsame Aufgaben, die innerhalb der EU für Auslastung und Absatz sorgen werden. Hier ist selbstverständlich die Rüstungsindustrie zu nennen, aber es geht auch um die Versorgung mit anderen Produkten und Halbfertigwaren. Die Elektromobilität und der Klimaschutz könnten ebenfalls wichtige Innovations- und Wachstumsmotoren der nächsten Jahre sein. Entsprechende politische Weichenstellungen sind hilfreich und auch im Bereich des Machbaren.
Insourcing ist grundsätzlich ein Weg zu mehr Wertschöpfung in Europa. Zwar wird dies nicht ohne Verlust an Margen zu bewerkstelligen sein, aber Business Continuity hat nun einmal Priorität in der Ära der Polykrise. Nicht zu vergessen ist die gesamte Industrie, die sich mit der Herstellung von Resilienzfähigkeit beschäftigt. Die Bevölkerung wird bereit sein, mehr Geld in Vorsorge zu investieren, um sich im Notfall auf eine temporäre Krisensituation vorzubereiten.
Der aktuelle Stromausfall im Südwesten Berlins zeigt eindrücklich die Verwundbarkeit unseres fragilen Systems. Vermeintlich unbedeutende Störungen haben enorme Auswirkungen. Man denke sich bloß, so etwas passiert parallel an mehreren Orten. Das würde den Staat kurzzeitig völlig überfordern, zulasten der Bevölkerung und der Betriebe.
Mein abschließendes Plädoyer ist deshalb, krisensichere Geschäftsmodelle zu entwickeln und mehr in Vorsorge und Vigilanz zu investieren. Denn Ignoranz und Resilienzdemenz kosten erheblich mehr und können fatal sein. Wir leben in Zeiten großer Unsicherheit und politischer Umbrüche, deren Auswirkungen wir noch nicht absehen können.
Aber wir verhalten uns immer noch passiv und hoffen auf bessere Zeiten oder darauf, dass der Sturm an uns vorübergeht. Das wird er aber nicht, denn wie beim Wetter gibt es Konstellationen, die einen Tornado entstehen lassen. Wir wissen nur nicht genau, wo er seine Schneise zieht.